Eisen - zuviel kann schaden

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Dipl. oec. troph. Stefan Weigt

Allein 1990 verkauften deutsche Apotheken für mehr als 100 Millionen Mark rezeptfreie Eisenpräparate. Das Geld für die Pillen könnten sich die Kunden sparen. Denn: Ob die Pillen sinnvoll sind oder sogar die Gesundheit schädigen, darüber streiten die Wissenschaftler noch.

Müde, abgespannt, blaß und unkonzentriert - das kann nur Eisenmangel sein, verkünden Werbeanzeigen der Pharmaindustrie. Sie richten sich vorwiegend an Frauen, denn bei ihnen sind die Eisenreserven des Körpers schneller erschöpft. Durch die Menstruation geht regelmäßig Blut und damit Eisen verloren. Zudem wird während Schwangerschaft und Stillzeit mehr von dem Spurenelement benötigt. Die Hersteller von Eisenpräparaten erwecken bewußt den Eindruck, Eisenmangel sei die häufigste Mangelkrankheit unserer Zeit. Zahlreiche Studien widersprechen allerdings den Parolen der Pharmaindustrie. Einige Wissenschaftler warnen sogar vor einer zu hohen Eisenzufuhr.

Wann kommt es zu Eisenmangel?

Verantwortlich für einen Eisenmangel ist ein Mißverhältnis zwischen Eisenaufnahme und Eisenbedarf. Zu wenig Eisen wird aufgenommen, wenn z. B. Verdauungs- und Resorptionsstörungen oder eine Magen-Schleimhaut-Entzündung vorliegen. Auch Fehl- bzw. Unterernährung können zu einer Unterversorgung führen. Sie tritt vor allem in Entwicklungsländern auf.Erhöht ist der Eisenbedarf bei andauernden Blutungen des Magen-Darmtrakts, z. B. bei Magengeschwüren, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn, sowie bei Infektionen, Tumorerkrankungen und operativen Eingriffen.

Ist ein leichter Mangel sinnvoll?
Ein manifester Eisenmangel, bei dem erkennbare Symptome vorliegen, tritt in den westlichen Industrieländern nur relativ selten auf. Eine repräsentative Studie ermittelte, daß bei nur 0,6 % der Bundesbürger eine Eisenmangel-anämie besteht, bei der zuwenig Hämoglobin im Blut gebildet wird. Bei 4 % wurde ein latenter Mangel diagnostiziert, ohne daß die Betroffenen über typische Beschwerden klagten. Die Ergebnisse belegen nach Meinung der Forscher, daß zusätzliche Eisengaben für die Mehrzahl der Deutschen überflüssig sind. Andere Wissenschaftler bestätigen diese Einschätzung. Sie konnten bei einem Vergleich von Frauen, die regelmäßig zusätzlich Eisen zuführten, mit solchen, die auf Eisenpräparate verzichteten, keine Unterschiede im Eisenstatus feststellen. Die während der Schwangerschaft zurückgehenden Eisenreserven werten neuere Studien sogar als physiologisch sinnvoll. Möglicherweise versucht der Körper durch den niedrigen Eisenspiegel bakterielle Infekte abzuwehren. Bei geringen Eisenwerten steht den Bakterien weniger Eisen zur Verfügung, das sie zum Wachstum benötigen.

Genug Eisen im Blut?

Hauptaufgabe des Eisens ist es, Sauerstoff in Blut und Muskeln zu transportieren und zu speichern. Außerdem ist es Bestandteil einiger Enzyme. Ermittelt wird der Eisenstatus anhand der Blutkonzentration von Eisen sowie verschiedenen Eisenbindungsformen, wie Transferrin, Ferritin, Hämoglobin, und den roten Blutkörperchen. Als wünschenswert gilt ein Hämoglobingehalt zwischen 12 und 16 Gramm pro Deziliter Blut bei Frauen und zwischen 13 und 18 g/dl bei Männer.

Richtwerte für Eisen zu hoch?
Den Vegetariern schenkten Forscher in den letzten 20 Jahren besondere Aufmerksamkeit. Immer wieder kam der Verdacht auf, die fleischlose Kost führe zu einem Mangel, weil Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln nur zu etwa 5-15 % verfügbar ist. Das im Fleisch enthaltene Eisen kann der Körper dagegen zu rund 20 % nutzen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die Eisenwerte von Vegetariern und Veganern, die zusätzlich weder Eier noch Milch und Milchprodukte essen, meist im unteren Normbereich liegen. Überraschenderweise brachten diese eher niedrigen Werte jedoch keine physiologischen Nachteile mit sich wie Leistungsschwäche oder Blutarmut. Die Studien lassen die Frage aufkommen, ob die derzeit als normal geltenden Eisenwerte nicht zu hoch angesetzt sind.

Eisen kann auch giftig sein
Nur bei wenigen Nährstoffen ist die Spanne zwischen lebensnotwendiger Zufuhr und schädlicher Dosis so eng wie bei Eisen. Nach der repräsentativen VERA-Studie gibt es in Deutschland fast genauso viele Menschen, die mit Eisen unterversogt sind, wie Menschen mit einer übermäßigen Eisenbelastung. Zusätzliche Eisengaben sollten deshalb nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen, wenn ein deutlicher Mangel festgestellt wurde. Die Praxis sieht leider anders aus. Die meisten Eisenpräparate besorgen sich verunsicherte Verbraucher auf eigene Faust. Wissenschaftler warnen jedoch vor der Selbstmedikation mit solchen Präparaten. Denn ein Zuviel an Eisen kann schädlich sein.

Erhöhte Eisenwerte gelten als Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen wie Arteriosklerose und Herzinfarkt, da freie Eisenionen die Bildung von Sauerstoffradikalen fördern. Radikale sind sehr reaktionsfreudige chemische Stoffe und können eine Vielzahl zellulärer Verbindungen schädigen. Unter anderem lösen sie die Oxidation von Lipiden aus, die für die Entstehung von Arteriosklerose verantwortlich gemacht wird. Außerdem ist davon auszugehen, daß die durch Eisen hervorgerufene Radikalbildung das Krebsrisiko erhöht. Verschiedene Studien, in denen größere Bevölkerungsgruppen beobachtet wurden, bestätigen den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Eisenzufuhr und einem gesteigerten Krebsrisiko. Eine Untersuchung kommt sogar zu dem Ergebnis, daß bereits bei Eisenwerten, die im oberen Normbereich liegen, ein höheres Risiko für eine Tumorerkrankung besteht. Ein Grund mehr, die als normal geltenden Eisenwerte zu überdenken.

Präparate nur bei Unterversorgung einnehmen
Für unterversorgte Menschen sind Eisenpräparate jedoch vermutlich unbedenklich. Dort, wo ein Mangel vorliegt, wird das in großen Mengen zugeführte Eisen sofort an das Transportprotein Transferrin gebunden. Das Eisen wird rasch abtransportiert und zur Bildung der roten Blutkörperchen verwendet. Somit stehen nur wenige freie Eisenionen für die Radikalbildung zur Verfügung. Zudem hat der Organismus Schutzmechanismen entwickelt, mit denen er sich in gewissen Grenzen vor einer zu hohen Eisenaufnahme schützen kann. Je nachdem wie gut die Eisendepots gefüllt sind, nimmt der Körper nur einen Bruchteil des in der Nahrung enthaltenen Eisens auf. Bei ausreichender Versorgung sind das im Durchschnitt etwa 10 %. Liegen leere Eisenspeicher vor, kann die Resorptionsrate auf 30 % steigen. Bei Schwangeren wurden im letzten Schwangerschaftsdrittel sogar Quoten über 60 % gemessen.

Vorsicht vor Eigenmedikation
Dieser Schutzmechanismus hat jedoch seine Grenzen. Wird zuviel Eisen aufgenommen, werden die regulierenden Darmzellen geschädigt, und der Mineralstoff gelangt ungehindert ins Blut. Eine zu hohe Eisenzufuhr kann Gefäße, Herz und Leber angreifen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen. Selbst sonst harmlose Bakterien können dann zu schweren Infekten führen. Ein bekanntes Beispiel für eine Eisenüberladung sind die südafrikanischen Bantus. Dieser Volksstamm braut Sauerbier in eisernen Töpfen, wobei gut verfügbare Eisenverbindungen entstehen. Durch regelmäßigen Biergenuß kam es zu Eisenablagerungen in Leber, Bauchspeicheldrüse und Herz. Jeder Fünfte, der eine Eisenüberladung aufwies, erkrankte an Diabetes, und Herzinsuffizienz war eine häufige Todesursache.

Bei uns sind besonders Menschen mit der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose durch zusätzliche Eisengaben gefährdet. Die erblich bedingte Erkrankung tritt meist erst ab dem 50. Lebensjahr auf. Ursache ist, daß die Schutzmechanismen vor einer Eisenüberladung nicht mehr funktionieren. Nehmen die Betroffenen über längere Zeit Eisenpräparate ein, kann es zu Diabetes und Organschäden kommen. Zwar sind nur etwa 0,2-0,5 % der Bevölkerung davon betroffen, doch können die Folgen schwerwiegend sein. Dies ist auch der Grund, warum die in den USA gesetzlich vorgeschriebene Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Eisen heftig diskutiert wird. Dort sind etwa eine Million Menschen von der Speicherkrankheit betroffen und durch die generelle Anreicherung gefährdet. Selbst Befürworter von Eisenpräparaten raten von einer Selbstmedikation ab. Zusätzliche Eisengaben sollten nicht länger als sechs Monate und nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.

Die Nebenwirkungen sind nicht ohne
Kritisch bewertet werden Eisenpräparate auch wegen ihrer häufigen Nebenwirkungen. Jeder Vierte klagt über Übelkeit, Erbrechen, Sodbrennen, Durchfall, Verstopfung oder Bauchweh. Wird die Dosis über die übliche Menge hinaus gesteigert, treten Nebenwirkungen noch häufiger auf. Gerade für Frauen in den ersten Schwangerschaftswochen, die häufig Eisenpräparate verordnet bekommen, ist dies ein Problem. Sie leiden in dieser Phase nicht selten unter Übelkeit und Erbrechen, die durch die Eisenpräparate noch verstärkt werden. Dadurch kann es zu einer Unterversorgung mit anderen Nährstoffen kommen. Vor allem Zink gilt in der Schwangerschaft als kritischer Nährstoff. Das lebensnotwendige Spurenelement ist insbesondere für das Wachstum des ungeborenen Kindes und den komplikationsfreien Verlauf der Schwangerschaft wichtig. Werden Eisenpräparate geschluckt, besteht möglicherweise die Gefahr, daß zu wenig Zink resorbiert wird. Zink und Eisen werden auf dem gleichen Weg durch die Darmschleimhaut aufgenommen. Wenn vermehrt Eisen zugeführt wird, blockiert es den gemeinsamen Transportweg, so daß weniger Zink in die Körperzellen gelangt.

Richtige Ernährung gegen Eisenmangel
Am sinnvollsten ist es, leeren Eisenspeichern mit einer gezielten Ernährung vorzubeugen. Eine Überversorgung kann dabei in aller Regel ausgeschlossen werden. In Fisch, Fleisch und Fleischwaren kommt Eisen in einer leicht verfügbaren Form vor, als sogenanntes Häm-Eisen. Das Fleisch- und Fischeiweiß verbessert außerdem die Verfügbarkeit pflanzlichen Eisens. Gelegentlich kleine Fisch- und Fleischmahlzeiten (1-2 pro Woche) reichen bei einer ansonsten ausgewogenen Ernährung aus, um einem Eisenmangel vorzubeugen. Doch auch Vegetarier brauchen eine Eisenmangelanämie nicht zu befürchten, wenn sie fördernde und hemmende Begleitstoffe in ihrer Ernährung berücksichtigen. In pflanzlichen Lebensmitteln ist nichthämgebundenes Eisen enthalten, das meist in dreiwertiger Form (Fe3+) vorliegt. Vor der Aufnahme durch die Darmwand muß es zu zweiwertigem Eisen (Fe2+) reduziert werden. Reduzierende Begleitstoffe in der Nahrung, z. B. Vitamin C und Milchsäure, begünstigen daher die Verfügbarkeit. Vitamin C kann die Eisenverfügbarkeit aus pflanzlichen Lebensmitteln bis auf das Siebenfache steigern. Ein Glas Orangensaft oder Obst zu den Mahlzeiten wirken sich daher günstig auf die Eisenversorgung aus.

Bestimmte Lebensmittel haben einen gegenteiligen Effekt und können die Eisenaufnahme hemmen, zum Beispiel Kaffee, schwarzer Tee oder Milch- und Milchprodukte. Sie sollten nicht gleichzeitig mit eisenreichen Mahlzeiten aufgenommen werden. Eisenreiche pflanzliche Lebensmittel sind beispielsweise Hülsenfrüchte, verschiedene Blattsalate, mehrere Kohlarten und Fenchel. Sojabohnen enthalten zwar auch viel von dem Spurenelement, doch ist die Verfügbarkeit durch das Sojaprotein stark vermindert. Vollkornprodukte tragen ebenfalls zur Eisenversorgung bei, obwohl sie hemmende Bestandteile wie Phytinsäure und Ballaststoffe enthalten. Um einen Eisenmangel vorzubeugen und zu bekämpfen, ist die richtige Auswahl und Kombination der Lebensmittel das beste Rezept. Eisenpräparate werden so für die meisten Menschen überflüssig.

Aktuelle Informationen zum Thema Eisenversorgung erhalten Sie auch auf dem Symposium "Im Fokus: Functional Food, Alkohol und Kaffee, Bioqualität, Vegetarismus", 24.- 26. September 2010 in Edertal

LITERATUR:
BITSCH, R.: Eisenbedarf und vegetarische Ernährung. In: Ernährungsumschau 6/43. Jg., S. 214-217, 1996
KÜBLER, W.; ANDERS, H.J.; HEESCHEN, W.: VERA-Schriftenreihe, Band V, Versorgung Erwachsener mit Mineralstoffen und Spurenelementen in der BRD. Wiss. Fachverlag, Niederkleen 1995
LEITZMANN, C.; HAHN, A.: Vegetarische Ernährung. Ulmer, Stuttgart 1996
N. N.: Ein Problem wird hochgespielt. In: Test 9, S. 104-105, 1991
SCHUMANN, K.; GOLLY, I.: Birgt die indikationsgerechte Eisengabe Gefahren für die Gesundheit? In: Dtsch.med.Wschr. 121, S. 179-184, 1996
SOLOMONS, N.W.; JACOB, R.A.: Studies on the bioavailability of zinc in humans: effects of heme and nonheme iron on the absorption of zinc. In: Am.J.Clin.Nutr.34, S. 475-482, 1981

Quelle: Weigt, S.: UGB-Forum 5/96, S. 282-284

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